Im follgenden findet ihr die Redebeiträge, die bei unserer Kundgebung am 28.01.2026 vor dem AMEOS gehalten wurden.
Ameos – Hand in Hand mit den Abschiebebehörden
Vor einem Jahr ist Lame mit Polizeigewalt aus der geschlossenen Station des Ameos-Klinikums herausgeholt worden und direkt nach Frankfurt gebracht worden, von wo aus er nach Gambia abgeschoben wurde.
Dieses ist ein klarer Bruch des Versprechens, dass ein Krankenhaus, und besonders eine Psychiatrie einen Schutzraum bietet gegen jegliche Gefährdung des Patient:innenwohls.
Lame ist verraten worden. Denn auf eindringliches Anraten von Seiten seines Psychotherapeuten und seines näheren sozialen Umfelds ging er vor einem Jahr freiwillig in die Psychiatrie, weil er akut suizidal war. Er suchte Schutz, weil er nicht mehr garantieren konnte, dass er sich nicht selbst etwas antut. Und genau dafür ist die Psychiatrie da: Schutz vor Eigengefährdung oder vor Fremdgefährdung.
Lame lebte neun Jahre in Deutschland. Hierhin war er über das Mittelmeer geflohen, weil er in seinem letzten Aufenthaltsland Libyen nicht mehr sicher war. Der Flucht aus Libyen vorausgegangen war ein Gefängnisaufenthalt, bei dem Lame gefoltert wurde, seitdem hat er schwere chronische Rückenschmerzen und eine schwerwiegende Hörbeeinträchtigung. Und seitdem ist er psychisch äußerst labil, er leidet unter anderem an einer Posttraumatischen Belastungsstörung.
Lame wurde in ein Land abgeschoben, dass er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen hat, und in dem er keine Familie mehr hat und keine sozialen Netzwerke. Im Alter von 12 Jahren kam er zur Familie seines Onkels, nachdem seine Eltern unter unbestimmten Umständen verschwanden. Zu dieser Zeit war Gambia eine Autokratie, Verschwindenlassen, Inhaftierungen und Ermordungen von Regimegegner:innen gehörten zur Tagesordnung.
Da auch die Familie des Onkels nicht sicher war, flohen sie nach Libyen. Hier konnten sie zunächst einigermaßen verträglich leben, bis es auch hier zum Regimewechsel und zur Verfolgung von Flüchtlingen aus der Subsahararegion kam. Deshalb sah Lame nach seiner Inhaftierung in Libyen keine Perspektive mehr. Die Lebenssituation war prekär, und es drohten weitere Inhaftierungen.
Von den Erlebnissen in Libyen psychisch traumatisiert und körperlich verletzt, machte sich Lame auf den Weg über das Mittelmeer, und die Überfahrt mit der Ungewissheit lebend in Europa anzukommen trug zu weiterer Traumatisierung bei.
Lame glaubte, als er nach Deutschland kam, nun in einem sicheren Land angekommen zu sein, ein Land, in dem er zur Ruhe kommen kann. Das Asylverfahren schien durchaus zufriedenstellend abzulaufen, bis er von Hannover aus nach Osnabrück umverteilt wurde. Hier lebte er zuletzt mit seiner Verlobten zusammen in eigener Wohnung. Und er begab sich in psychiatrische Behandlung, damit er lernen konnte mit seinen psychischen Leiden zu leben.
Aber, die für ihn zuständige Mitarbeiterin der Ausländerbehörde Osnabrück ist bekannt für ihre Übereifrigkeit, wenn es um Abschiebungen geht. Sie stellte fest, dass Lame aufgrund seines Aufenthaltsstatus ausreisepflichtig sei und schickte ihm eine entsprechende Aufforderung.
Diese Aufforderung zur Ausreise führte bei Lame zu einer Retraumatisierung und zu Angst- und Panikattacken. Als die Frist, die für die Ausreise gesetzt wurde, auslief und Abschiebung drohte, führte das zum psychischen Zusammenbruch von Lame, er drohte damit, dass er sich eher das Leben nähme, als dass er nach Gambia ausreist.
Das waren die Umstände, unter denen sich Lame freiwillig in das Ameos-Klinikum begab.
Doch dann kam der Amtsarzt der Ausländerbehörde ins Spiel. Er ignorierte vollständig einen Bericht des behandelnden Psychiaters, der die PTBS und die Suizidalität diagnostizierte und beschrieb, und erklärte Lame für reisefähig. Der Arzt der Ausländerbehörde behauptete zudem, dass die psychischen und körperlichen Leiden auch in Gambia behandelt werden können.
Und Ameos? Der Stationsarzt bestätigte die Reisefähigkeit von Lame und unterstellte, er würde die PTBS nur vortäuschen. Und damit war das Einfalltor für die Abschiebebehörden weit geöffnet.
Am 28. Januar, genau vor einem Jahr, kam dann die Polizei und wurde in die geschlossene Station eingelassen. In seiner Angst und Panik wehrte sich Lame, woraufhin er von der Polizei überwältigt wurde und an einen Rollstuhl gefesselt wurde. Die Pflegekräfte begleiteten dieses Vorgehen und machten so den Eindruck, als wollen sie die Abschiebung unterstützen.
… Unterstützer:innen …
Lame wurde so wie er war direkt nach Frankfurt gefahren. Alle seine Sachen musste er in Osnabrück zurücklassen und auch sein Geld wurde ihm abgenommen. Der mitreisende Arzt beschwichtigte, dass Lame in Gambia abgeholt werden würde und dass er dort gleich ärztliche Betreuung bekäme. Nichts davon war der Fall. Lame wurde wie ein Frachtpaket einfach in Gambia abgesetzt, in einem Land, das er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte.
Gambia ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Arbeitslosenquote ist extrem hoch, Krankenversicherung und soziale Systeme gibt es nicht. Jeder Arztkontakt kostet Geld, zudem braucht Lame Medikamente, die in Gambia sehr teuer sind. Ohne die laufende Unterstützung von Menschen aus Deutschland könnte Lame nicht überleben. Dabei geht es übrigens nicht nur um finanzielle Unterstützung, sondern auch um Stabilisierung, soweit, wie es eben geht, denn Lame ist nach wie vor krank, und in verzweifelten Situationen droht er weiterhin mit einem Suizid.
Für dies alles nehmen wir das Ameos in die Verantwortung. Die Kooperation mit den Abschiebebehörden kann tödlich enden, schlimmstenfalls. Das Versprechen, Schutz in der Psychiatrie zu finden, wurde gebrochen. Wir verurteilen dies aufs Schärfste. So etwas darf nie wieder passieren. Wir raten den Mitarbeitenden der Psychiatrie, egal ob Pflegekraft oder ärztlich, dringend an sich weiterzubilden, wenn sie denn das nicht in der Grundausbildung gelernt haben.
Wir sind empört, wütend und traurig. Wir arbeiten daran, dass Lame zurückkommen kann, aber das ist sehr schwer. Trotzdem geben wir die Hoffnung nicht auf.
Betroffene von polizeilichen Repressionen während der Abschiebung
Im Folgenden teilen wir die Stellungnahme einger von Repression betroffenen Personen, die sich im Nachgang der brutalen Abschiebung von Lame K. am 28.01.2025 mit Strafverfahren konfrontiert sehen. Die Vorwürfe sind maßlos übertrieben, die Folgen können schwerwiegend sein. Seid solidarisch und seid deutlich: Abschiebungen müssen verhindert werden!
„Am Morgen der Abschiebung war Lame nicht alleine. Wir waren mit gut zwei Dutzend Freundinnen und Unterstützerinnen vor Ort versammelt. Die Polizei reagierte auf unsere Anwesenheit von Anfang an stark repressiv, sie verschärfte die Situation unter anderem durch das Hinzurufen zahlreicher weiterer Polizeikräfte. Mindestens 10 von uns wurden während bzw. nach der Abschiebung vor Ort festgehalten. Einige von uns wurden durch Polizistinnen zu Boden gebracht und später in Handschellen abgeführt. Nachdem Lame in dem Fahrzeug der Landesaufnahmebehörde abtransportiert wurde, wurden sechs von uns zur Polizeistation am Kollegienwall gebracht. Dort wurden diese in Einzelzellen festgehalten und teilweise einer „Erkennungsdienstlichen Behandlung“ (Fingerabrücke, Fotos, etc.) unterzogen. Die Polizei ist regulär an Abschiebungen beteiligt und übt Gewalt aus. Darüber hinaus begegnet sie solidarischen Menschen mit Repression und mehr als übertriebenen Tatvorwürfen. So auch in unserem Fall: Im Nachgang erhielten mehr als 10 von uns Briefe von der Osnabrücker Polizeidirektion. Allen wird Hausfriedensbruch vorgeworfen. Dieser Vorwurf wird nur auf Antrag verfolgt. Das AMEOS muss also selbst tätig geworden sein. Die Vorwürfe der Polizei reichen gegen einige von uns jedoch wesentlich weiter: Nötigung, Sachbeschädigung sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamtinnen und in einigen Fällen sogar versuchte Gefangenenbefreiung und tätlicher Angriff auf Beamt*innen oder gleichgestellte Personen. Während die Ermittlungen im Bezug auf den Hausfriedensbruch mittlerweile eingestellt wurden, bleiben die anderen Tatvorwürfe bestehen und könnten massive Konsequenzen für die Leben der Betroffenen haben. Es ist empörend, dass gegen Menschen, die sich friedlich Abschiebungen entgegenstellen, so hart vorgegangen wird!
Jede Abschiebung ist ein Unrecht! Jede Abschiebung ist eine Gewalttat! Jede Abschiebung ist die Machtdemonstration eines nationalen und autoritären Staates! Von diesem Staat ist keine Milde zu erwarten. Schaut man in die USA, kann man erahnen, wie sich die Lage noch weiter verschärfen kann, wenn wir jetzt nicht handeln und uns gegen diese Politik stellen.
Und trotzdem sind wir schockiert über die weitreichende Kooperation zwischen Polizei, Ausländerbehörde, Landesaufnahmebehörde und AMEOS, und die Brutalität die am 28. Januar 2025 in Osnabrück stattgefunden hat.
Diese Geschehnisse zeigen, die Konsequenzen rassistischer Politik. Lames Abschiebung ist eines der vielen Beispiele dafür. Auch auf der Straße merken wir: die Gewalt gegen Menschen, die nicht in ein rassistisches, nationalistisches und traditionelles Weltbild passen, nimmt enorm zu. Umso mehr ist und bleibt Solidarität mit Betroffenen und Widerstand gegen diese rassistische Gewalt wichtig. Jetzt ist die Zeit sich zu organisieren und der fortschreitenden kollektiven Verrohung der Gesellschaft und ihrem mörderischen Rassismus entgegenzutreten!“
No Border, No Nations,
Stop Deportations!
Stellungnahme zur Abschiebung aus der Ameos-Klinik in Osnabrück von Ernst-Ludwig Iskenius (Mitglied des Arbeitskreises „Flucht und Asyl“ innerhalb der IPPNW und ehrenamtlicher Mitarbeiter der IPPNW-Meldestelle)
Abschiebungen von Geflüchteten sind immer eine staatlich legitimierte Gewalt. Das gilt besonders für kranke und andere vulnerable Personengruppen. Sie lösen häufig schwere traumatische Reaktionen bei den Betroffenen aus, bei vielen verstärken sich die Krankheitssymptome. Schon im Vorfeld nehmen häufig Angst- und Panikreaktionen zu, ebenfalls ruft schon die Ankündigung verstärkt depressive und
verzweifelte Symptomatiken hervor oder werden weiter chronifiziert. Am Ende bleibt meist nur noch wegen der Symptomlast die stationäre Aufnahme. Die verschärfte Rückführungspolitik trifft besonders kranke und traumatisierte Menschen, denn sie wurden wegen fehlender Identifizierung oder mangelhaften Zugang nicht als besonders schutzbedürftig erkannt und fallen durch das Asylverfahren und andere Möglichkeiten zum Bleiben durch. Sie werden in nicht wenigen Fällen suizidal und brauchen einen professionellen Schutzraum, wie z.B. das Krankenhaus. So war es offensichtlich auch bei der Person aus Gambia, die vor einem Jahr gegen ärztlichen Rat von der Polizei aus dem Krankenhaus entführt, ins Flugzeug gesetzt und ins Herkunftsland zurückgeschickt wurde. Das weitere Schicksal ist dann häufig unbekannt. Die meisten dieser krankmachenden und menschenunwürdigen Abschiebungen
bleiben für die Öffentlichkeit unbekannt. Sie verstoßen gegen das Grundrecht auf Würde und das Recht auf Gesundheit. Für die Behörden bedeutet es: „Aus dem Auge, aus dem Sinn.“ Nur eine wache kritische Zivilgesellschaft bringen solche Beispiele an die Öffentlichkeit, wie auch im Falle dieses Mannes aus Gambia. Die Meldestelle der IPPNW „Abschiebung aus stationärer Behandlung“ hat am 10. Dezember 2024 ihre Arbeit aufgenommen und konnte bisher 35 Beispiele dokumentieren. Sie sind wahrscheinlich nur die „Spitze des Eisberges“ wie kürzlich durch Anfrage bei der Landesregierung von Baden-Württemberg bekannt wurde. Von den dort 19 aufgeführten Rückführungen aus Krankenhäusern und Psychiatrien war nur 1 Beispiel uns und in der Öffentlichkeit bekannt geworden. Unsere Erfahrungen in der Meldestelle sind, dass meist das Krankenhauspersonal mit einer solchen Situation überfordert und deshalb aus Hilflosigkeit ihre Patientinnen in die Hände der Polizeibeamten geben. Dabei haben in den allermeisten Fällen sie ein Recht, ihre Patientinnen vor einer solchen gewalttätigen Maßnahme zu schützen.
Deshalb haben wir begonnen, Beschäftigte in den Krankenhäusern über ihre Möglichkeiten aufzuklären, sie auf solche unvorhergesehene Situationen vorzubereiten und sie auch in Workshops zu trainieren, im Zweifel auch in Konflikt mit den behördlichen und polizeilichen Vertretern zum Schutz ihrer Klientinnen oder Patientinnen treten zu können.
Der Deutsche Ärztetag hat im Mai 2025 die zuständigen Landesbehörden aufgefordert, in allen Bundesländern die Abschiebung aus stationärer und weiteren medizinischen Einrichtungen als unzulässig zu erklären. Bisher ist diese Aufforderung verhallt.
Es bedarf deshalb ein größerer öffentlicher Druck, diese skandalträchtige Praxis zu beenden. Dafür sind wir sehr dankbar, dass in Osnabrück auch nach einem Jahr noch Menschen dieses Beispiel auf die Straße und dadurch in die Öffentlichkeit tragen. Widerstand ist an dieser Stelle besonders wichtig, um heilberufliche und humane Prinzipien wie z.B. das „nil nocere“ („Niemals jemanden Schaden zufügen“) trotz gesellschaftlichen Rechtsruck aufrecht zu erhalten.
Erfahrungsbericht einer Betroffenen der „Nicht“-Behandlung durch das Ameos-Klinikum
Zweimal in meinem Leben wurde ich zwangseingewiesen in das Ameos-Klinikum wegen akuter Suizidalität. Den Suizid hatte ich jeweils nicht zu Ende bringen können, stattdessen wurde ich unter Einsatz von körperlicher Gewalt von der Polizei in die Klinik gebracht, ein richterlicher Beschluss für den Verbleib auf der geschlossenen Station folgte.
Auf der geschlossenen Station sind alle Krankheitsbilder durcheinandergewürfelt, es werden schlicht alle Menschen dort eingesperrt, die eine Gefahr für sich selbst oder für andere darstellen (egal ob psychotisch, bipolar, depressiv oder was immer). Ich selber habe eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung, einhergehend mit einer dissoziativen Störung. Dafür braucht es Ruhe und Schutz um aus tiefen Krisen herauszukommen. Im Ameos fand ich beides nicht. Auf der Station ist es unruhig und laut, untergebracht wird man in Mehrbettzimmern, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der einzelnen Patient:innen. Behandelt wird mit Medikamenten, die die Insassen ruhigstellen, psychotherapeutische Behandlung findet nicht statt, stattdessen „darf“ man in der Ergotherapie basteln, wohlgemerkt ohne, dass sich jemand weiter darum kümmert. Das Pflegepersonal konzentriert sich auf seinen Job als Schließer:in und auf das Überwachen der Einnahme der Medikamente. Aufklärung über die eigene Erkrankung, geschweige denn Psychoedukation findet gar nicht statt. Die Patient:innen vegetieren den Tag vor sich hin, unterbrochen von Mahlzeiten mit teilweise wenig genießbarem Essen.
Jedes mal vor der wöchentlichen Visite durch den Chefarzt, den man sonst nie zu sehen bekommt, herrscht Angst bis Panik auf der Station, denn hier entscheidet sich die Länge des Aufenthalts.
Das alles ist keine Atmosphäre um stabil zu werden. Aber erst bei Stabilisierung, und wenn man dem Richter, der über den Beschluss der Einweisung entscheidet, glaubhaft versichern kann, dass man keine Gefahr mehr darstellt, kann man freiwillig die Klinik verlassen.
Während meiner Aufenthalte im Ameos Klinikum fühlte ich mich eingesperrt und Vernachlässigt. Wenn ich nach Hilfe fragte wegen einer akuten Krise, wurde ich abgewiesen und auf die nächste Visite verwiesen. Ich wurde behandelt als sei ich blöd, dabei bin ich nur krank.
Und trotz aller Schließermentalität konnten sie nicht verhindern, dass ich mein Messer bei mir hatte und mich regelmäßig selbst verletzte.
